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Urban Tetris

JulianOpie_GerhardsenGerner Darf ich Ihnen auch die größeren Werke des Künstlers im Magazin zeigen, fragt der Galerist. Offensichtlich bin ich angesichts der hohen fünfstelligen Beträge –britische Pfund – für die ausgestellten Werke nicht ausreichend zusammengezuckt. Es ist Gallery Weekend in Berlin, ein schöner Maitag, mein Rundweg führt mich auch in die Galerie mit kultiviertem Rückbaucharme in der Kreuzberger Köpenicker Straße. Vor kurzem noch befanden sich hier die Räume eines Wasserbauunternehmens, hier war der Windschatten des neuen Berlin. Heute ist die Galerie Vorreiter der Immobilienentwicklung. Von der gegenüberliegenden Straßenseite schallt Live-Musik einer mittelalterlichen Rockband. Der noch nicht entsorgte Schrott des vormals ansässigen Autohändlers ist im hinteren Teil des Grundstücks zusammengeschoben und mit Planen verdeckt, das Vertriebsteam lauscht einsam auf Wohnungskäufer wartend vor Visualisierungen mittelprächtiger Architektur. Mich lockt das dahinterliegende Grundstück an der Spree. Wo junge Berliner clubnächtelang am Spreestrand Ihre urbanen Pionierträume sponnen, haben die Architekten Carpaneto, FAT Köhl, und BAR das Spreefeld Spreefeld_Carpaneto_FATKoehlerrichtet, ein genossenschaftlich organisiertes Wohnungsbauprojekt, dessen angemessene Gestaltung sich wohltuend gängigen ästhetischen Prinzipien entzieht. Der Strand soll weiterhin öffentlich zugänglich bleiben. Mein Weg führt weiter durch die Galerien in Friedrichshain und Mitte zur Potsdamer Straße. Der immer noch fragwürdig-zweideutige Kiez ist gleichzeitig neues Zentrum der Berliner Galerienszene wie auch umfangreicher Wohnungsbauprojekte geworden. Auf dem vom Tagesspiegel zurückgelassenen Verlagsgelände zeigen heute Galerien in museumswürdigen Räumen Werke von Lynn Chadwick oder Adrian Ghenie. Nicht weit entfernt hat der neue Gleisdreieckpark Baugruppen und -investoren an seine Rändern angezogen. Mein Rundweg ist beendet, das Lückenfüllerspiel hält an. Artikel erschienen in AIT 6-2014